Plädoyer für Frontalunterricht

“Wenn man sich zu einem Lehramtsstudium entschließt, ist die fast einzige Berufsmöglichkeit, die einem offen steht, ja der Lehrerberuf. Gibt es im Lehramtsstudium irgendwelche Vorlesungen in Pädagogik und Didaktik, die einem das Lehren beibringen ?”, fragte ich meine Deutsch-Lehrerin.
Die erschütternde Antwort: “Kaum, das soll jetz dann aber glaub ich geändert werden.”

Der Anlass zu dieser Frage war die doch etwas seltsame Unterrichtsmethode, die wir in den letzten 9 Stunden Wirtschaftslehre angewandt haben, um das spannende Unterrichtsthema “Tarifrecht” zu erarbeiten: SOL, selbstorganisiertes Lernen.
Ok, nehmen wir den Begriff mal auseinander.

Selbstorganisiert: Wir nehmen die Organisation selbst in die Hand. Wir bekommen ein unnötig kompliziertes Experten-/Stamm-/Präsentationsgruppensystem aufoktroyiert.

Lernen: Wir lernen etwas. Wir lernen nichts.

Nachdem er uns eine halbe Stunde lang dieses scheinbar so tolle und neue Unterrichtssystem erklärt hat und wir nun so etwa wussten, wann wer in welcher Gruppe was zu tun hatte, ging’s gleich mal mit niedrigster Motivation zur Sache. Gefüttert mit tollen Stichworten (”rechtliche Grundlagen” ist schon ne sehr genaue Themendefinition) durften wir das alles selbst erarbeiten und uns gegenseitig beibringen. Am Schluss sollte das Ganze dann noch präsentiert werden, wozu sich der ein oder andere oder auch alle, die präsentieren mussten, schon nochmal innerhalb von einer halben Stunde in ein komplett neues Thema einarbeiten, von dem einem vorher nur kurz erzählt worden ist. Hatte trotzdem immerhin 11 Punkte, wenn auch ohne Begründung warum es nicht 15 oder 0 waren.

Am Ende der letzten Stunde dann kam der Hammer:
Lehrer: “So, eine Woche nach den Ferien schreiben wir eine Klassenarbeit über das Thema.”
Klasse: “Ok, kriege mir dann noch irgendwelche Blätter oder so dazu ?”
Lehrer: “Ja das war ja eure Aufgabe.”
Klasse: (alle sichtlich entsetzt) “Kriege mir dann wenigstens die Folien von den Präsentationen kopiert ?”
Lehrer: “Die kann ich euch da lassen, wenn ihr wollt.”
nach einigem Hin und Her kopiert er sie sogar noch für uns, motzt aber einen aus der Klasse an, weil er protestiert.
Ich (leicht erregt): “Ja, Herr W., könnten sie sich als Lehrer denn vielleicht nicht noch wenigstens ein bisschen um die Ergebnissicherung kümmern ?”
Lehrer: “Nein, das heißt selbstorganisiertes Lernen, da macht der Lehrer gar nichts.”

Stopp.
Er plant das (wohl von ihm) “selbstorganisierte” Lernen bis ins kleinste Detail und vergisst dabei einfach mal, dass wir uns selbst noch das alles schriftlich festhalten müssen !?
(Auf dem Blatt stand kein Wort von Ergebnissicherung, nur die Präsentation wird erwähnt)
Wir schreiben jetzt dann eine Arbeit über das Thema und haben (außer den Stichwort-Folien, toll) keine schriftlichen Unterlagen dazu !?
Er kümmert sich als Lehrkraft nicht im Geringsten darum, ob wir im Unterricht was lernen !?
F.U.

Ich habe ja prinzipiell nichts gegen Gruppenarbeit. Nur wenn sie in einer solchen Dichte durchgeführt werden, wie es bei uns in WL und Religion der Fall ist und die Ergebnissicherung so ausfällt wie hier (war in Reli auch schon teilweise unter aller Sau), dann kann man dieses Unterrichtsprinzip nur als didaktische und pädagogische Katastophe bezeichnen.

Wer stimmt mir zu ?


  1. 1 anon

    Bin auf dieser Seite gelandet, als ich gerade nach Infos zur Hamburger Schulreform suchte, über die morgen abgstimmt werden soll. Auch wenn dein Beitrag schon etwas älter ist, kann ich es nicht lassen ihn zu kommentieren.

    Also ich stimme dir auf jeden Fall zu! Bei den Lehrern wo nur ihre tolle Methode im Vordergrund stand habe ich eigentlich nie was gelernt. Es wurden viele “neue” Methoden angewandt, bei denen es aber oft so war, dass irgendwelche Dinge nicht vollends durchdacht waren, was dann dazu geführt hatte, dass sie im Endeffekt gar nicht funktionierte. Mit anderen Worten: Die Lehrer haben oft Methoden angewandt, die sie nicht beherrschten.

    Und ich denke es ist auch schwierig bestimmte Unterrichtsmethoden wirklich so zu handahaben, dass auch wirklich Inhalte vermittelt werden.

    Ich verstehe auch gar nicht, wieso Frontalunterricht heutzutage so verpönt ist, man hat fast schon den Eindruck es sei ein Entlassungsgrund, wenn ein Lehrer mal ne halbe Stunde etwas erklärt. Wenn der Frontalunterricht gut gemacht ist (was glaube ich den jüngeren Lehrern leider gar nicht mehr beigebracht wird), kann das schon extrem gut sein. Ich habe mich bei dieser Unterrichtsform eigentlich nie gelangweilt und extrem viel mitgenommen 1000 mal mehr als bei anderen Methoden…

    Natürlich gibt es etwa den berechtigten Einwand, dass es so schwer ist alle Schüler zu erreichen. Das sieht zunächst auch so aus, aber erstens hängt dies enorm von der Umsetzung und der Schülerzusammensetzung ab, zweitens denke ich dass der Frontalunterricht sinnvoll ist in Ergänzung durch Übungsphasen etc. wo dann auch noch mehr Individualisierung geschehen kann und drittens haben andere Methoden genau diese Problem auch, wenn sie nicht perfekt umgesetzt werden, auch wenn es theoretisch zunächst so aussieht, als könnten sie mit der Individualisierung besser umgehen (Extrembeispiel: Gruppenarbeit, es macht nur gerade die Gruppe was wo der Lehrer gerade schaut, außerdem hat jede Gruppe höchstens eine treibende Kraft). Ein anderer Einwand wäre, dass es wichtig sei, die Schüler zu aktivieren, selbst denken zu lassen etc. aber ich denke da kommt es eben auf eine innere Aktivierung an und die kann im Frontalunterricht genausogut oder auch besser erreicht werden.

    Auf jeden Fall bin ich der Meinung, dass man auch die Methode des Frontalunterrichts nicht in den Mülleimer werfen sollte, sondern wieder den jungen Lehrern die Feinheiten dieser Unterrichtsform beibringen.

    Bei der von dir geschilderten Situation spielt auch so eine Kompontente “Eigenverantwortung” eine Rolle, die durch solche Gruppenarbeitsphasen ohne (übertriebene) Ergebnissicherung als “Kompetenz” gelernt werden soll - Pervers finde ich nur, dass man dies immer mehr versucht in die Schulen reinzubringen und da wo es eigentlich seinen guten Platz hat, an der Universität mit komischen Bachelor Reformen wieder auszurtreiben. Achso, witztig finde ich im Zusammenhang mit der Universität auch, dass man nach neuer Pädagogik einem Oberstufenschüler zum einen nicht zumuten will, dass der Lehrer mal mehr als 10 Minuten spricht und zum anderen denkt da würde er rein gar nichts lernen, er aber möglicherweise schon ein paar Monate nach dem Abitur in einer netten Mathevorlesung sitzt und stundenlang durch Monologe des Profs gequält wird (ist ironisch gemeint, ich finde Mathevorlesungen toll :-)). Auch in vielen anderen Lebensbereichen bekommt man Informationen durch “Erklären” verabreicht. Eigentlich sollte es auch ein Lernziel der Schule sein, dass die Schüler nachher fähig sind aus Vorträgen oder Vorlesungen und allgemein in nicht ganz so “optimalen” Situationen relevante Infos herauszuziehen und zu lernen. Es ist ja eben ein ausgewiesenes Ziel der neuen Bildungspläne den Schülern die Freude am Lebenslangen Lernen zu vermitteln, und Techniken an die Hand zu geben, selbst zu lernen…

    Naja, jetzt hör ich lieber mal auf zu schwafeln, das Thema ist echt komplex. Kurz gesagt, bin ich immer noch der altmodischen Meinung, dass der Lehrer wirklich den Inhalt beherrschen sollte (was leider nicht immer der Fall ist, obwohl wir im internationalen Vergleich recht lange akademische Ausbildungszeiten für Gymnasiallehrer haben), diesen im Unterricht in den Mittelpunkt stellt, es schaft mit dem Inhalt zu begeistern und nicht mit der Verpackung und eben eine oder wenige Methoden wirklich beherrscht statt immer der Mode nach mit einem nicht verstandenen Methodenwirrwarr für Pseudo-Dauerbespaßung zu sorgen.

    PS: Diese “neuen” Unterrichtsmethoden sind übrigens meist auch schon recht alt :-) und “neu” impliziert nicht “gut”

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Kommentare

  • anon: Bin auf dieser Seite gelandet, als ich gerade nach Infos zur Hamburger...
  • Gebäudereinigung Hamburg: Toller Blog. Weiter so!
  • vivi: für die spontanen aussagen eine 1+ mit sternchen:D wie man nur so...
  • vivi: ich bin auch der meinung, dass barack obama den friedensnobelpreis zu...