Vorweihnachtliche Glücksfälle
Veröffentlicht 23. Dezember 2007 in Lustiges, Politik und GesellschaftEigentlich wollte ich an dieser Stelle einen Eintrag über die Vorweihnachtszeit mit ihren typischen Erscheinungen schrieben. Dann fiel mir ein, dass ich das ja eigentlich schonmal gemacht habe. Vor einem Jahr schrieben wir kurz vor den Weihnachtsferien eine Deutschklausur, bei der als Themen Effi Briest, eine Kafka-Interpretation und ein Essay angekündigt waren. Nachdem ich mich auf die ersten beiden spärlich bis gar nicht vorbereitet habe, ist mir dann am Morgen in der Dusche urplötzlich der Gedanke gekommen, dass er ja vielleicht als Essaythema “Weihnachtszeit” dranbringen könnte und mir kamen auch sofort ein Haufen Ideen zugeflogen. Als ich dann in der Schule die Arbeitsblätter umdrehte, konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Das (leicht gekürzte) Resultat:
Last Christmas
Spätestens wenn diese Worte der Kitsch-Pop-band Wham! uns wieder auf allen Radiofrequenzen entgegenkommen, wissen wir es sicher: Wir sind wieder in der Weihnachtszeit. Denn alljährlich taucht dieser Evergreen wieder aus der Versenkung auf und kehrt zurück in die Verkaufsregale, von wo aus er Frauenherzen höher schlagen und Männerbrechreize höher steigen lässt. Manchmal frage ich mich, wie die biblischen Evangelisten wohl auf dieses Lied reagieren würden, wo sie doch eigentlich ganz andere Absichten hatten. Dass das Weihnachtsfest in der Geburt Jesu Christ entstanden ist, wissen ja nach einer kürzlich erschienenen Umfrage immerhin noch die meisten Deutschen, nur jeder zehnte musste passen. Doch was war so wichtig an dieser Geburt ? Die Evangelisten gingen diese Frage auf verschiedenste Art und Weise an […], alle haben jedoch gemeinsam, dass Jesus eine Art Befreiung oder Erlösung von ihrer teilweise sicherlich großen Not darstellt. Mit Jesus sollte also eine neue Heilszeit anbrechen. Doch von alledem ist heute nichts mehr zu finden. Die Einzigen, für die Weihnachten noch eine Heilszeit darstellt, sind die Unternehmen. Bereits Anfang September kann man alles kaufen, was man für ein gelungenes Weihnachtsfest braucht, Dominosteine, Schokonikoläuse und natürlich Zimtsterne. Wohlgemerkt, das Ganze bei Außentemperaturen von 25°C. Doch so richtig läuft dieses Geschäft dann erst in den letzten Wochen vor Weihnachten an, denn in dieser Zeit ist es unmöglich, diesem meist in der Farbkombination Rot-Weiß auftretendem Kaufimperativ zu entgehen.
Plötzlich erscheint es lebenswichtig, Weihnachtsartikel zu kaufen, wie einem die gesamte Werbeindustrie suggeriert und rentabel ist es auch noch, denn nur jetzt kann man noch von den unglaublich günstigen Weihnachtsangeboten profitieren. Die ganze Welt scheint wirklich nur noch diesem Ereignis entgegenzufiebern, als drehe sich die Erde ohne Weihnachtsfest nicht mehr weiter. In den Städten wurchern die Weihnachtsmärkte und in den Wohngebieten mindestens ebenso wild Hausbeleuchtungen, Lichterketten und zuweilen auch schon mal, ganz nach amerikanischem Vorbild, eine Lasereffektshow, die strahlend “Merry X-Mas” in den Himmel schreibt, den Modeslogan der gesamten Weihnachtszeit. Das deutsche “Fröhliche Weihnachten” wirkt viel zu geschwollen und sperrig, als dass man es noch verwenden könnte. Englisch kann ja ohnehin jeder.
Und während so die gestresste Frau mit einem nach allem bettelnden Kind am Arm durch die Stadt zieht und versucht, den Billigpreise verheißenden Reklametafeln und -weihnachtsmännern auszuweichen, dudelt irgendwo im Radio wieder Wham!. Überhaupt springt die gesamte Medienlandschaft genauso auf diesen Zug auf und versucht die Menschen mit einer unendlichen Welle von kitschigen Weihnachtsremixes, weihnachtlichen Happy-End-Filmen und natürlich massenhaft anderen Bildern so zu beienflussen, dass eben diese sich in dem idealen Wunschbild von Weihnachten wähnen. Dieses ideale Wunschbild von weißen, romantischen und gänzlich stressfreien Weihnachten, das allerdings in der Realität leider nie auftritt. Da fällt es in dieser Masse auch nicht auf, wenn zwischendurch die roten Rosen einmal ihren “Weihnachtsmann vom Dach” spielen, in dem der Weihnachtsmann eben aufgrund dieses Rummels Selbstmord begeht und Weihnachten somit entkernt. Den neuen Kern bildet heute der alte Rahmen, der Kommerz und vor allem die Geschenke. Wer zu Weihnachten nichts verschenkt, der zeigt ja offensichtlich mangelnde Zuneigung und Geiz. Es herrscht Schenkzwang. Gleichzeitig damit verbunden ist jedoch auch die größte Volkskrankheit, die jedes Jahr wie eine Epidemie wütet. Die Rede ist von der chronischen “Was schenke ich wem ? Ach das entscheide ich nächste Woche”-Krankheit. Das eht gut, bis zur letzten Woche vor Weihnachten.
Dann strömen die Menschen nämlich in Massen in die Läden, um noch schnell was für ihre Lieben zu besorgen. Alle sind vertreten: Die Ehefrau, die ihrem Mann mal wieder was ganz Originelles schenken will und dabei bewusst zur Krawatte greift. Der Ehemann, dem kurz vor Geschäftsschluss am 23. oder 24. einfällt, dass sie ja letztes Jahr schon Schmuck bekommen hat. Dann wird es eben dieses Mal eine neue Armbanduhr. Gleich daneben steht der Teenager und gibt zwei komplette Monatseinkommen aus, um seiner Freundin den schönen Ring kaufen zu können. Und in der Spieleabteilung steht das Rentnerehepaar vor dem Softwareregal und rätselt, welches Spiel der Enkel doch gleich für seinen Gameboy wollte, nur um schließlich doch das falsche zu kaufen. Sie alle meinen es gut und werfen sich am Ende dennoch Versagen vor, aber es macht ja eigentlich nichts, denn an Weihnachten geht es ja nicht um die Geschenke. Der gute Wille zählt. Ironischerweise ist gerade dies die Rückkehr zu den echten Wurzeln des weihnachtlichen Schenkens, zu der christlichen Botschaft. In diesem Satz besinnen sich die Menschen noch darauf. Und wenn dann schließlich am Abend des 24. die Familie sich um den Christbaum versammelt, dann kehr vielleicht wirklich ein kurzer Moment der Besinnung ein, wenn aus der Stereoanlage “Stille Nacht” tönt und alle einen Moment zuhören, wenn die Kinder die Krippe und die wunderschön verpackten Geschenke betrachten.
Diese Blase der Ruhe platzt natürlich sofort wieder, wenn die Kinder ihre Geschenke in durchschnittlich 0,5 Sekunden aufreißen und dabei den gesamten Zimmerboden mit Papierfetzen bedecken. Anschließend muss natürlich jeder erst einmal noch das Geschenk des Anderen begutachten und ausprobiereb. Streit bricht aus, wird aber nicht mit der üblichen Härte geführt, denn es ist ja Weihnachten. Und dieser ruhige Abend ist es nun, worauf man so lange wartet und dem man so lange entgegenfiebert ? Ja, scheint so, denn es war noch nie anders. “Alle Jahre wieder” das Gleiche wie “Last Christmas”.
Nach den Feiertagen schlägt die Welt jedoch schnell wieder um und verfällt in eine katerartige “Nach dem Fest”-Stimmung. Die anfangs noch strahlend betrachteten Geschenke entpuppen sich doch als Fehlkauf, der aber - Kassenbon sei Dank - leicht umgetauscht werden kann. So stürmen eifrige Väter dann pünktlich am 27. die Läden, um das falsch gekaufte Gameboyspiel, den zu kleinen Pullover und - ganz heimlich - die Krawatte umzutauschen. Macht ja nichts, es waren ja alle Geschenke gut gemeint, sie kamen, wie gesagt, von Herzen. Und aus dem Kaufhausradio tönt, nun nicht mehr ganz frei von jeglicher Ironie, Wham! mit den altbekannten Zeilen:
“Last Christmas, I gave you my heart.
But the very next day, you gave it away…”
Okay, ein bisschen wirr, mehr ging an dem Morgen einfach nicht. Mir hat’s trotzdem gefallen. Dem Lehrer übrigens auch.
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Und was gabs dann für ne Zensur für die Kinder, die die Grippe lieber noch als die Krippe betrachten?
Ups, falsch abgetippt :) Ist korrigiert.
ich weiß au ned aber dieses jahr isch iwas anderst…normalerweise freu ich mich schon wochen vorher auf weihnachten aber dieses jahr könnt ich allein bei dem gedanken daran schon kotzen…jedes jahr das gleiche schema heiligabend essen und geschenke auspacken…1 weihnachtsfeiertag wir gehn hochmotiviert zu meiner oma müssen lieder singen und so tun als würde man all seine verwandten deren ehmänner/frauen und kinder mögen…dazu kommt das ich fast nur cousinen habe und zickenkrieg vorprogrammiert ist (da hat man dann wenigstens was zu lachen^^) normalerweise wär der 2.weihnachtsfeiertag der einzigste lichtblick weil da die luddebächer immer esse und anschließend saufe gehn ABER NEIN ich darf dieses jahr im ödschbach spiele toll oder?!…
weihnachten ist schlicht und einfach total commerz…aber was will man machen…hoffe ma das die 3 tage bald vorbei sind und fasent ist…
Kenn ich schon. Was für ein Pfusch. Bring mal wieder was Neues.
@J. Die ganze Welt ist Kommerz. Wobei mir Weihnachten auch schon wieder auf die Nerven geht.
@j. …. ja mir auch und zwar schon seit ein paar Jahren ;)
Mindestens genauso schlimm wie Weihnachtsgebäck Mitte September im Laden sind übrigens die “Weihnachten ist ja so KOMMERZ (geworden)!!!1″-Schreier, die einen auch so unerbittlich verfolgen wie George Michaels Stimme gewordene Schweinskopfsülze.
SCNR ;>
Patrick deine Uhr geht falsch, jetzt ist 00:44
du hast noch nicht umgestellt… dachte grad Sebb hätte zwei minuten nach mir gepostet ^^
Ich hab mich dieses Jahr übrigens sehr auf Weihnachten gefreut! Endlich mal wieder ein wenig Zeit, und die ist im Grundstudium im Studentenleben echt knapp bemessen.
Wünsche euch Kommentatoren recht kommerzielle Weihnachten!
“Dass das Weihnachtsfest in der Geburt Jesu Christ entstanden ist, wissen ja nach einer kürzlich erschienenen Umfrage immerhin noch die meisten Deutschen, nur jeder zehnte musste passen.”
Oha, darauf hätte ich nicht gewettet. Gibts die Umfrage irgendwo im Netz?
Gruß und frohe Weihnachten
Ralf
Mh ist ein Jahr her…ich bin mir auch nicht mehr sicher, ob die Information nicht aus einem Material war, das auf dem Arbeitsblatt mit drauf war.