Fortsetzung:

Nach 20 Minuten steige ich endlich in den Zug ein.
Mit Mühe und Not kann ich noch einen Platz auf einem der Klappsitze ergattern. Ein Glück, dass dieser Zug nicht so voll ist, wie etwa die wöchentlichen Viehtransporte am Freitagnachmittag, bei denen es regelmäßig zu Verspätungen kommt, weil die Leute fast nicht in den Zug hineinkommen. Ich packe ein Physikbuch aus und versuche, mir den Stoff der letzten Vorlesung nochmal deutlich zu machen. Besonders weit komme ich damit leider nicht, denn die junge Frau gegenüber beginnt zu telefonieren. Allerdings nicht leise und dezent, nein, lautstark und völlig schamlos, als säße sie alleine im Zug, packt sie alle Details über ihr offensichtlich turbulentes Privatleben aus. Wer sie wann mit wem betrogen hat, warum sie ihren neuen Frisör hasst, wie der Streit mit ihrer Mutter verlief, das alles und noch viel mehr wird einem in ohrenbetäubender Lautstärke erzählt, ob man will oder nicht.

Fast schon ein Lichtblick dagegen ist der nun ankokmmende Schaffner der mit einem völlig undeutlich dahergeschnatterten “*murmel murmel* Fahrscheine bitte” mein Ticket einfordert. Zu meinem Glück reagiert er etwas gelassener auf mein fehlendes Teilstreckenticket als der Kollege im letzten Zug. Nur eine kurze Erklärung, warum ich es noch nicht lösen konnte und er geht weiter. Muss wohl öfters vorkommen… Sehr zu meiner Freude hat inzwischen auch die Quasselstrippe gegenüber aufgelegt, sodass ich kurz wieder in die Welt der Physik abtauchen kann, allerdings nicht lange: An der nächsten Station steigt nämlich ein junges Pärchen ein und setzt sich nicht weit von mir entfernt. Zunächst erscheinen sie ganz ruhig, doch dann packt sie eine kleine Französisch-Lektüre aus und beginnt ihm daraus vorzulesen, um ihm zu zeigen, wie gut sie schon Französisch gelernt hat. Leider hat sie eine dieser unglaublich aufdringlichen Frauenstimmen mit dem gewissen Miss Piggy-Vibrato, das ihr dann ab einer gewissen Lautstärke etwa den Wohlklang einer Kreissäge verleiht.
Und leider muss ich auch feststellen, dass sie noch nicht besonders gut Französisch kann, denn ihrer Satzbetonung nach liest sie nicht den Text sondern offensichtlich nur jedes Wort für sich. In der Folge komme ich für den Rest der Fahrt zwar mit meinem Buch nur noch eine halbe Seite weiter, dafür aber Kopfschmerzen beträchtlich näher. Immerhin kann ich mich noch mit den sich ständig wiederholenden Werbeeinblendungen auf den Monitoren im Zug ablenken.
Irgendwann kommen wir endlich am Ziel an. Sofort nach der Ansage schnappe ich meine Tasche und laufe die Treppe runter, um endlich der Kreissäge zu entkommen. Leider wird mir unten der Weg versperrt: Ein Reisender hat sein mitgeführtes Fahrrad offensichtlich mit einem anderen und einem Gepäckstück verhakt und versucht nun, seinen Drahtesel irgendwie wieder freizurütteln. Dies wird durch die anderen Fahrgäste nicht gerade vereinfacht, denn die drängen sich um ihn herum panisch in Richtung Ausgang, als ob der Zug an seiner Endstation nur eine Minute stehenbleiben würde. Außerdem will ja auch jeder so schnell wie möglich heraus, um beim anschließenden Gerangel an der Treppe zur Unterführung einen guten Platz zu erwischen.
Kurz vor dem Bahnhof verkündet uns der Zugführer dann mit einer undeutlichen Ansage, auf welcher Seite man denn aussteigen solle, gefolgt von einem - in meinen Augen nicht ganz unzynischen - “Vielen Dank, dass sie mit der Deutschen Bahn gereist sind. Sänk iu for träweling wis Deutsche Bahn.”


  1. 1 D.

    Und erneut zeigt dein Eintrag die bittere Wahrheit der Freuden des Reisens mit der Deutschen Bahn auf. Leider sind die Berichteten Ereignisse keine Einzelfälle, der Großteil davon ist mir selbst auch schon passiert. In diesem Sinne: Augen zu und durch (denn es gibt keine anderen Möglichkeiten!), vielleicht wird die Bahn ja irgendwann mal auf solche Erfahrungsberichte aufmerksam und versucht etwas zu ändern, aber das wird wohl Wunschdenken bleiben…

    Super Eintrag, sehr lebensnah erzählt, auch wenn die Beschreibung der Stimme als Kreissäge mir irgendwie bekannt vorkommt (ich denke da an eine gewisse sog. Lehrerin am HFG ^^)

  2. 2 lenny

    pkw ftw!

    ;)

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Kommentare

  • anon: Bin auf dieser Seite gelandet, als ich gerade nach Infos zur Hamburger...
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